Erwartungen und Beziehungen

Die Finanzmärkte fungieren oft als Feedbackgeber, Projektionsfläche, selbst als Kommunikationspartner für Selbstgespräche halten sie her.

Dummerweise interessieren sich die Märkte nicht die berühmte Bohne dafür, deine persönlichen Wünsche oder Erwartungen zu erfüllen. Als Trader musst du es akzeptieren, wenn der Markt dir keine Möglichkeit zum Geld verdienen gibt. Du solltest also zunächst herausfinden, unter welchen Umständen deine Trading-Praxis überhaupt funktioniert und zu welchen Zeiten du besser die Beobachterrolle einnimmst.

Von Klienten höre ich immer wieder: „Aber ich muss doch ein Chance-Risiko-Verhältnis (CRV) von mindestens 1,5 haben.“ oder „Ich will täglich 20 DAX-Punkte verdienen.“ Da erlaube ich mir Frage: „Hallo, jemand zu Hause?“ Bei so viel Ich-Bezogenheit kann Misserfolg felsenfest eingeplant werden. Vermutlich hast du irgendwo gelesen, dass ein CRV mindestens 1,5, besser noch 2 betragen und du dir Ziele setzen solltest. Sicherlich sind 20 DAX-Punkte ein Ziel. Ziele sind nur dann sinnvoll, wenn dein Trading einen Marktbezug hat.

Woher kommt die Erwartung vieler, dass die Finanzmärkte auch nur einen Cent geben, obwohl sie sich nicht auf den Markt einlassen? Eine „Beziehung“ kann doch nur dann funktionieren, wenn auch das Gegenüber eine Rolle spielt. Die Fragen, die du dir beispielsweise stellen könntest: „Was macht der DAX gerade, wie waren die Schwankungen in den letzten Tagen? Welche Wirtschaftsnachrichten haben prinzipiell einen Einfluss? Wird der DAX-Stand durch Reden der Verantwortlichen von FED oder EZB beeinflusst? Wie viele Marktteilnehmer sind vorhanden?“, um nur einige zu nennen.

Jemand der mit einem festen CRV von 1,5 arbeitet, hat nur dann alles richtig gemacht, wenn sich dieses aus der Statistik des Trading-Tagebuches ableiten lässt.

Einen Menschen lernst du kennen, wenn du ihm viele Male begegnest. Beim Traden verhält es sich ähnlich. Jeder Trade ist mit einem Date vergleichbar. Von Begegnung zu Begegnung werden sie sich vertrauter oder spüren, dass es eben nicht passt. Im Gegensatz zu realen Begegnungen mit Menschen, kannst du im Trading-Tagebuch auch Termine eintragen, in denen ihr euch gar nicht Face-to-Face begegnet seid. Dem Kennenlernprozess sind also keine terminlichen Grenzen gesetzt. Insofern sind backgeteste, Demo- und Live-Trades gleichwertig. Versteht sich von selbst, dass es bei einem heißen, realen Date anders abgeht, gleichgültig, ob du deiner Verabredung in die Augen siehsts oder einen Live-Trade ausgeführt hast.

Zweierbeziehungen sind ganz wesentlich von Erwartungen geprägt. Werden Sie nicht erfüllt, sind Frustrationen vorprogrammiert (Stiehler, Stiehler, 2002). Woher kommen diese Erwartungen? Warum gibt es so wenige freie Paarbeziehungen? Die Vorbilder fehlen einfach und es ist noch mehr: die Anforderungen an uns und die Partnerschaft sind überhöht.

Ob du als Trader erfolgreich bist, hängt nicht von Zufall oder Schicksal ab, sondern von der Beziehung zu dir selbst.

Literatur

Stiehler S, Stiehler M (2002) Ich bin ich und Du bist Du: Symbiose, Autonomie und Bezogenheit in Zweierbeziehungen. Beratung Aktuell, 196-208